Im Zentrum steht nicht die Analyse individueller Eigenschaften, sondern die Erfassung und Interpretation relationaler Muster, Interaktionsdynamiken und kontextueller Einflussfaktoren innerhalb sozialer Systeme.
Es handelt sich somit um eine kontext- und beziehungsorientierte Form der Profilbildung, die Verhalten nicht als isoliertes Merkmal einer Person, sondern als Resultat zirkulärer Prozesse innerhalb eines Systems versteht.
Zentrale wissenschaftliche Merkmale
1. Zirkularität statt Linearität
Während klassisches Profiling häufig linear-kausale Erklärungen sucht („Person X zeigt Verhalten Y aufgrund von Merkmal Z“), geht systemisches Profiling von zirkulären Wechselwirkungen aus:
• Verhalten entsteht durch Interaktionen
• Interaktionen erzeugen Muster
• Muster stabilisieren Verhalten
Das Profil beschreibt daher Systemdynamiken, nicht individuelle Defizite.
2. Kontextualisierung
Systemic-Profiling integriert mehrschichtige Kontexte:
• mikrosozial (z. B. Team, Familie)
• mesosozial (z. B. Organisation, Institution)
• makrosozial (z. B. kulturelle Normen, gesellschaftliche Diskurse)
Damit wird Verhalten als situativ eingebettet verstanden, nicht als stabile Eigenschaft.
3. Muster- und Rollenanalytik
Statt Persönlichkeitsmerkmale zu kategorisieren, untersucht Systemic-Profiling:
• Interaktionsmuster
• Kommunikationsstrukturen
• Rollenverteilungen
• implizite Regeln
• Feedbackschleifen
Das Profil beschreibt also funktionale und dysfunktionale Muster, die das System prägen.
4. Ressourcen- und Lösungsorientierung
Systemische Ansätze vermeiden defizitorientierte Diagnostik.
Systemic-Profiling identifiziert daher:
• vorhandene Ressourcen
• adaptive Muster
• potenzielle Veränderungshebel
• resiliente Strukturen
Das Profil dient nicht der Etikettierung, sondern der Interventionsplanung.
5. Multimodale Datenerhebung
Systemic-Profiling nutzt verschiedene Datenquellen:
• Beobachtungen von Interaktionen
• Kommunikationsanalysen
• Netzwerk- und Rollenanalysen
• qualitative Interviews
• organisationales Kontextwissen
Die Profilbildung erfolgt integrativ, nicht monokausal.
Wissenschaftliche Einordnung
Systemic-Profiling lässt sich theoretisch verorten:
• in der systemischen Therapie und Beratung (zirkuläre Hypothesenbildung)
• in der sozialen Netzwerkanalyse (Beziehungsstrukturen)
• in der Organisationspsychologie (Teamdynamiken, Rollen)
• in der Kybernetik zweiter Ordnung (Beobachtung der Beobachtung)
• in der konstruktivistischen Erkenntnistheorie (Perspektivenabhängigkeit von Profilen)
Es ist damit ein diagnostisches Metaverfahren, das nicht Personen „profiliert“, sondern Systeme beschreibt, in denen Verhalten entsteht und Bedeutung erhält.
Kurzdefinition zum Systemic Profiling
Systemic-Profiling ist ein kontextsensitives, zirkulär orientiertes Analyseverfahren, das soziale Systeme anhand ihrer Interaktionsmuster, Rollenstrukturen und relationalen Dynamiken beschreibt, um Verhalten nicht individualdiagnostisch, sondern systemisch-funktional zu verstehen.
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